Tag 7/2: Von Klängen und Bildern

Es ist also soweit: Die große Konzertnacht startet! Ab etwa halb sieben auf der Freifläche des Lentos ist es diesmal ein offener Beginn, ein Hineingleiten in die Klänge und Bilder der beginnenden Nacht. Erster Programmpunkt auf ebenjener Freifläche (die übrigens vom Lentos komplett überspannt wird, also in gewisser Weise gleichzeitig draußen und drinnen ist) ist eine Klanginstallation namens „Acoustic Time Travel“. Ein Feld von ca. 20x20 Meter ist umstellt von 8 Lautsprechern, aus denen repetitive Klangereignisse zusammen mit sich spiegelnden Delays ein Gefühl von out of time and out of space erzeugen – oder so ähnlich. Tatsächlich kann man das ganze durchschreiten und trifft dadurch immer wieder auf neue elektronische Geräusche aus verschiedenen Richtungen. Oder man hockt sich einfach auf den vom Spätsommertag noch warmen Boden und trinkt in Ruhe sein Bier.

Äähh… Jetzt muss ich mich selbst etwas disziplinieren, denn alle Acts des Abends in gebührender Detailtreue zu beschreiben dürfte für den Leser doch recht ermüdend werden. Als Umriss: Zuerst eine Stunde Plingpingfiepkratzchrrr, dann eine Stunde Philip Glass, gefolgt von einer halben Stunde interaktiver Installationen und abgeschlossen von einer Stunde Rummsblitzkrachbummrauschzirpwumm. Wieder mal ein echtes Erlebnis, manches etwas unzugänglich aber auf alle Fälle sehr spannend und inspirierend. Ein Orchester der Weltklasse in einem exzellent klingenden Raum mit riesiger Projektionsfläche und beeindruckender PA. Weil, also, die spielen da halt nicht nur einfach so (modernes) klassisches Zeugs so mit Geigen und Dirigent und so. Sondern dazu laufen immer bunte Bilder und rund die Hälfte des Abends gehört den jungen wilden Elektronikern. Aufregende Mischung. Ein paar Einzelheiten will ich doch noch liefern, wem langweilig ist, der kann ja zu youtube weiter zappen, kein Ding.

Der klassische Kernpunkt war wohl die 10. Sinfonie von Glass. Jetzt kenn ich viel zu wenig Musik aus der Ecke als dass ich die Darbietung in einen Kontext stellen oder mit anderen Aufführungen vergleichen könnte. Aber es war sehr gut, durchaus eingängig und hat einen mitgenommen auf die Reise. „Eingängig“ im harmonischen Sinne, die (Poly)Rhythmik war dagegen etwas weniger leicht zu durchschauen. Als Schlagzeuger versucht man ja immer mitzuzählen und die Eins zu finden, in manchen Abschnitten waren es aber so viele verschiedene Einsen, dass ich es irgendwann aufgegeben habe. Muntere Wechsel zwischen 6er, 7er, 9er, 10er und 12er Zählzeiten, dazu irgendwas wie Quintolen von den Geigen und simple ganze Noten von den Bässen, durchsetzt mit Trommelschlägen im Polkastil und Glockenspielklängen aus dem Off. Am meisten beeindruckt mich bei sowas immer, wenn es bei aller theoretischen Komplexität ein so stimmiges und emotionales Ganzes ergibt. Pfeif auf die Taktarten, hör einfach zu!

Nach der Pause gab’s irgendwas ziemlich atonales, das fand ich etwas sperrig. Zwar wie immer beim Bruckner-Orchester erstklassig dargeboten (wie notiert man solche Sachen eigentlich?!), aber doch etwas anstrengend. Das zweite Stück mit Vibraphonimprovisation war deutlich mitnehmender, man konnte sich dem Fluss an Tönen leichter hingeben. Richtig spannend wurde es dann mit der Sound- und Visuals-Performance „cut.repeat“ zweier junger österreichischer Klangkünstler. Jessas, die machen keine Gefangenen! Es fing recht harmlos an, irgendwelche Zirp- und Klick-Geräusche aus den Lautsprechern, synchron dazu weiße Lichter in geomtrischen Formen auf der Großleinwand. Soweit so gut. Dann aber ziemlich unvermittelt laute Bassschläge (und die Anlage kann wirklich laut) zusammen mit heftigen Blitzen. Und als ich dachte, das Schlimmste wäre überstanden, haben sie noch einen draufgesetzt und es richtig krachen lassen. BUMM! Badakrrrchrchrchr! BUMM BUMM BUMM!!! Blitze, von vorne sind gequälte Schreie zu hören, Frauen ergreifen verkrampft die Hand der neben ihnen sitzenden Herren, Mütter werfen sich schützend über ihre Kinder. Wie geil!!! War echt sehr beeindruckend, funktioniert in dem Saal und mit der Anlage einfach phänomenal gut. Und nach 30 Minuten war alles vorbei. Nach ein paar leicht benommenen Sekunden der Erholung brandete völlig zurecht frenetischer Applaus auf, die beiden Jungs wussten nicht recht damit umzugehen und verschwanden mit ein paar unbeholfenen Verbeugungen spürbar verunsichert rechts hinter dem Vorhang. Wegen solcher Aufführungen geh ich da hin…

Hm, Fazit oder Abschluss des Abends? Schwer zu sagen, wie schon erwähnt wieder mal ein beeindruckendes Erlebnis, vielfältig und bereichernd. Das beste Fazit ist wohl: Wer Interesse hat, sollte selbst hingehen und dann ein eigenes Fazit ziehen. Zur Vervollständigung hier noch ein ein paar bildliche Impressionen:

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